Reform der HJET/HJEM tut Not

Die HJET sind im Jugendberech das wichtigste Turnier des Jahres in Hamburg. Hier haben fast alle Größen aus Hamburg von Niclas Huschenbeth über Guido Stanau bis Luis Engel ihre ersten Schritte im Turnierschach getan und wichtige frühe Erfolge erzielt. Wer sportlich mehr erreichen und die Meisterschaften auf Landes- oder Bundeseben spielen oder gar zu Europa- oder Weltmeisterschaften antreten möchte, muss irgendwann hier anfangen. Die HJET sind als DAS Qualifikationsturnier für alle Jugendspieler aus Hamburg und bei aller lobenswerter Offenheit für Einsteiger und Ausprobierer eben die erste echte sportliche Hürde des Jahres. Dementsprechend wichtig ist es, hier die richtigen organisatorischen Weichen zu stellen.

Leider gibt es einige Ärgernisse, die auch bei uns in Blankenese nicht einfach nur achselzuckend hingenommen werden können. Daher hier einige Reformvorschläge zur weiteren Diskussion:

  1. Als Qualifikationsturnier muss es für jeden Erfolg einen Anschluss geben. Es muss gelten: Kein Titel, der nicht qualifiziert! Die HJET führen über die HJEM zur DEM. Hier ist Konsistenz gefragt. Gut ist, dass nachdem die schwierige und weiter diskutable Entscheidung auf Bundesebene für die Geschlechtertrennung schon ab U10 gefallen ist, diese nun konsequent auch in Hamburg ab den HJEM vollzogen wird. Das ist aber nur ein erster Schritt. Die Jahrgangszuschnitte sind ebenso an denen der Folgeturnieren zu orientieren. Wenn es auf den DEM keine U20 gibt, brauchen wir diese in Hamburg auch nicht auszuspielen. Auf Ebene der DEM gibt es nur die Jahrgänge bis U18 und dann noch die Offenen U25-Meisterschaften. Da die U25 auf Bundesebene offen also ohne Qualifikation zu spielen sind, braucht hier kein Spielangebot von Hamburg zu erfolgen. Die raren Plätze in Schönhagen sind für diejenigen zur Verfügung zu halten, die um eine echte Qualifikation spielen. Richtig ist allerdings, dass die U8 in Hamburg separat gespielt wird, obwohl es eine solche Gruppe bei der DEM nicht gibt, denn für die U8 gibt es Europa- und Weltmeisterschaften. Hier muss sich also nicht Hamburg anpassen, sondern die Bundesebene, die die Unterbrechung der Qualifikationskette von den Landes- zu den Europa- und Weltmeisterschaften sofort zu beenden hat.
  2. Die Leistungsklassen gehören ersatzlos abgeschafft. Sie sollten ehedem dazu dienen, auch starken Spielern attraktive Spieler jenseits des Potenzials ihrer jeweiligen Jahrgangsklasse zu bieten. Leider funktioniert das nicht. Da sich Spieler in den Leistungsklassen nicht mehr für die nächste Ebene, die HJEM, qualifizieren müssen, fehlt dem Turnier der sportliche Ernst. Partien fallen aus, Spieler kommen zu spät oder einigen sich in unausgespielten Stellungen auf Remis. Es ist in Ordnung, Topspieler, z.B. Titelverteidiger oder Ranglistenführer nach DWZ, von den HJET zu befreien und sie direkt zur Endrunde zuzulassen. Wer trotz schon erfolger Vorqualifikation spielen will, kann dies in den jeweiligen Jahrgangsklassen oder wahlweise außer Konkurrenz in höheren Jahrgangsklassen tun. Im Schweizer System gibt es keine Spielausfälle, es wird einfach aufgerückt. Wer sich von den Gegnern seiner eigenen Jahrgangsklasse unterfordert fühlt, kann unter der Voraussetzung der Vorqualifikation freiwillig in einer höheren Jahrgangsklasse antreten. Auch dies entspricht den Gepflogenheiten auf Bundesebene, wo z.B. Vincent Keymer 2015 aus dem jüngeren Doppel-Jahrgang U12 direkt bei den U16 mitspielte und Dritter wurde. Der Maßstab ist dann nicht, dass ein Spielausschuss einen Spieler für relativ stark hält, sondern dass die Qualifikation bereits vor Turnierantritt bereits erreicht ist.
  3. Es müssen vor den HJET eindeutige Grenzen definiert werden, wie man sich sicher qualifiziert. Es ist klug, dass sich der Spielausschuss vorbehält, flexibel zu entscheiden. Aber eine fixe Grenze, z.B. 4 aus 7 oder 6 aus 9 könnte helfen, um Spielern besser zu vermitteln, dass und wie sie ihren Erfolg in den eigenen Händen halten. Wenn dann zusätzlichen Spielern als Nachrücker oder auch wegen deutlich besserer Leistungen in anderen Turnieren ebenfalls die Möglichkeit eingeräumt wird, in Schönhagen dabei zu sein, ist das in Ordnung. Im Gegenteil: Wenn es eine klar definierte Erfolgsgrenze gibt, dann kann der Spielausschuss seine verbleibende Freiheit sogar noch deutlich unabhängiger vom Ergebnis bei den HJET nutzen, um z.B. Spielern, die einen Ausrutscher nach unten hatten oder durch Krankheit nicht alle Spiele spielen konnten, auch eine Mitfahrt nach Schönhagen zu ermöglichen, ohne dass das von anderen als unfair empfunden werden müsste.
  4. Auch in den Jahrgangsklasse U10 muss die Aufschreibeprflicht eingeführt und durchgesetzt werden. Schach als Spiel geht ohne Notation, aber Schach als Sport eben nicht. Hier gilt es, Maßstäbe zu setzen. Umgekehrt ist es nicht ganz fair, wenn einige Spieler sich disziplinieren und mitschreiben und andere durch einen Verzicht aufs Mitschreiben einen Vorteil erlangen. Auch auf den höheren Ebenen kommt man um das Aufschreiben nicht herum. Nur bei den U8, bei der einerseits auch Spieler dabei sind, die noch nicht zur Schule gehen und noch gar nicht schreiben können und die sich andererseits momentan sowieso nicht zur DEM qualifizieren können (s.o.) kann weiterhin auf eine Notationspflicht verzichtet werden.
  5. Es muss immer möglich sein, sich allein über seine Jahrgangsklasse weiter zu qualifizieren. Dass ein U18-Meister wie im vergangenen Jahr nicht einmal einen Stichkampf bekommt, weil sein Startplatz bereits in der U20 ausgespielt war, ist absurd. Ähnliche Situationen gab es teilweise auch bei den Mädchen, die sich nicht zur HJEM qualifiziert hatten, gleichwohl als beste Mädchen für die DEM qualifiziert waren. letzteres Ärgernis ist aber wohl schon beseitigt. Einen nominalen „Meistertitel“, der zu nichts qualifiziert, braucht niemand. Wer sich also nicht für die DEM vorqualfiziert hat – z.B. als Titelverteidiger oder Kaderspieler – sollte dementsprechend auch bei den HJEM seine Jahrgangsklasse spielen. Und wer seine Jahrgangsklasse gewinnt, der muss auch – ohne Stichkampf ! – qualifiziert sein. Das mögliche Aufrücken in ältere Jahrgänge sollte denen vorbehalten bleiben, die aus der Gruppe ihres Jahrgangs soweit herausragen, dass sie schon qualifiziert sind oder aufgrund der Kriterien auf Bundesebene einen noch zu vergebenden Freiplatz quasi sicher haben.
  6. Es muss sichergestellt sein, dass bei den HJEM kein Trainer einen Spieler vor- oder nachbereitet, den er auch sonst entweder individuell oder im Verein trainiert. Dass einige Spieler „ihren“ Trainer dabei haben, andere Spieler hingegen nicht, ist eine grobe Wettbewerbsverzerrung. Umgekehrt darf natürlich auch kein Trainer einen Spieler auf einen Gegner vorbereiten, wenn dieser Gegner zu seinen Schützlingen gehört. Es ist keinem Trainer zumutbar, gegen „seinen“ Schützling zu arbeiten.
  7. Die neue Königsklasse U18 bei der HJEM sollte wenn irgend möglich genutzt werden, um IM- oder sogar GM-Normen zu erspielen. Dafür ist Geld notwendig, weil man internationele Topspieler einladen muss. Es wäre aber eine tolle Aufwertung und ein erstklassiger Anreiz auch für exzellente Spieler, hier alles zu geben. Und für die jüngeren Spieler ein weiteres großes Ziel direkt vor ihren Augen. Spitzensport hat eine Vorbildfunktion!
  8. Bei den Mädchen muss es das Ziel sein, in allen Jahrgangsklassen eigene Mädchenturniere durchzuführen, wie es eben auch bei den DEM der Fall ist. Im Moment gibt es bei den HJEM keine Mädchenklasse U8, eine eigene Mädchenklasse U10, eine weitere Mädchenklasse für alle anderen Jahrgänge in Schönhagen und parallel die Möglichkeit, bei den Jungs mitzuspielen. Die Schieflage ist offensichtlich: Ein Mädchen U12 z.B. hat die Wahl, entweder mit deutlich älteren Mädchen zusammen zu spielen oder mit den Jungs ihres Jahrgangs. Ausgespielt wird aber der Platz für das beste Mädchen des Jahrgangs, das sich zu den DEM qualifiziert. In der bisherigen Struktur sind Stichkämpfe unvermeidbar, was ein ganzes überlegen gespieltes Turnier (in der leider falsch gewählten Klasse) mit einer einzigen Partie zunichte machen kann. Natürlich braucht man aber auch genügend Mädchen für die entsprechenden Mächen-Jahrgangs-Endrunden. Hier sind also keine einmalige Reformentscheidung, sondern eine Zielsetzung und langfristige Aufbauarbeit gefragt.

 

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Merijn van Delft Rene Mandel Christopher Badura